Eine Rückschau von Alice Bucher

Nach einer Begrüßung durch Andrea Peters (media:net) und Helge Jürgens (Medienboard) gab der Aufsichtsratsvorsitzende des media:net Bernd Schiphorst einen Einblick in das Werken und Schaffen des KI-Pioniers Chris Boos. Nach der Einführung betrat dieser gemeinsam mit der Moderatorin des Abends, Bettina Rust, die Bühne.

Frau Rust begrüßt Christian Boos mit den Worten, dass auf ihm nun ein immenser Druck läge, nachdem er von Bernd Schiphorst in den höchsten Tönen begrüßt und angekündigt wurde. Im Anschluss stellt Bettina Rust den Menschen Chris Boos vor, der bereits mit 8 Jahren das erste Mal programmiert hat, wovon seine Eltern jedoch nicht sonderlich beeindruckt waren. Von seinen Mitschülern hingegen wurde es als Nerd bezeichnet – womit man damals noch beschimpft wurde, könne man sich heute schmücken. Chris Boos sieht sich auch heute noch als Nerd, wie er anschließend erzählt.

„Wenn wir über Künstliche Intelligenz sprechen, geht es nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie“, eröffnet Bettina Rust nach einem kurzen Einstieg ins Gespräch die tatsächliche Thematik. Das Thema werde so sehr gehypt und mit Ängsten verbunden, da die meisten Menschen es nicht einordnen können. Die Moderatorin bittet den Gast anschließend um eine Definition von Künstlicher Intelligenz. Boos hält den Begriff für vollständig verwegen; die Begrifflichkeit sei zudem nicht so neu, wofür sie immer gehalten werde, denn bereits 1954 wurde dieser Begriff mit dem Bau eines automatischen Übersetzers geprägt.

Unter ITlern gebe es einen Witz: „Es heißt nur künstliche Intelligenz, solange es nicht funktioniert. Sobald es funktioniert, bekommt es einen richtigen Namen.“

Rust hat das Gefühl, dass sich aktuell alles sehr schnell entwickle und fragt Boos nach seiner Meinung dazu. Die Dinge haben sich schon immer exponentiell entwickelt, von der Eizelle angefangen und wir seien deswegen linear, da unser Leben mit der Zeit linear ablaufe, erläutert Chris Boos. Die Entwicklung war also noch nie langsamer oder schneller. Er glaube nicht, dass Entwicklungen früher so viel langsamer von statten gingen. Das Auto wurde Anfang des 20. Jahrhunderts richtig eingeführt und zehn Jahre später sei auch das Pferd als Transportmittel komplett verdrängt worden. Veränderungssysteme gehen in seinen Augen schnell, gravierende Änderungen passieren jedoch gar nicht so oft, da würde der Mensch wahnsinnig werden.

Wir brauchen große Veränderungen, damit es weitergeht, wir haben aber auch gerne Stabilität.“

Chris Boos würde behaupten, dass wir seit den 1970er Jahren keine großen Veränderungen erlebt haben. Facebook, was viele als solche ansehen, sei schlichtweg eine Beschleunigung von Gerüchten und die gebe es schon sehr lange.

Das Kritische an KI sei, dass jeder fühlen könne, dass sich etwas ändern wird. Wenige Menschen sprechen von der Zukunft, da viele davor Angst haben. Bereits als Kind lerne man, dass wenn etwas im Busch ist und niemand darüber redet, die Zukunft daraus resultierend etwas Angsteinflößendes ist.

„Zukunft ist etwas Wünschenswertes.“

Um KI gut zu erklären, erläutert Boos zunächst einmal, was es nicht ist:

  • „Maschinen verstehen gar nichts.“ Diese Annahme sei weit verbreitet und falsch. Eine Maschine kann genau eine Sache, die ihr beigebracht wurde. Interessant wäre, einer Maschine mehrere Dinge beizubringen.
  • „KI und Gehirne haben nichts miteinander zu tun.“ Dies könne er für die nächsten 50-100 Jahre unterschreiben. Es gebe Dimensionen, die wir noch nicht mal begonnen hätten mit Maschinen abzudecken.
  • Alle wollen alles mit einer einzigen Sache gelöst bekommen, dies sei schlichtweg nicht möglich. Man brauche nicht nur einen Algorhythmus, der alles löst.

Da viele diese Angst haben, würde KI nicht richtig verstanden. Ethik und Moral bleibe weiterhin bei uns Menschen, auch dahingehend sei nichts zu befürchten.

Eine Maschine könne auch keinen Dialog führen, dieser wird am Ende des Tages vom Menschen geführt. Sprache sei die absolute Königsklasse und für Maschinen undurchdringlich.  Sprache ermöglicht uns, größere Ziele zu verfolgen, so Boos.

Maschinen haben den Vorteil, dass sie sich viele Einzelteile anschauen können, was der Mensch in dem Sinne nicht könne. Deswegen hat die Maschine im Fall des Spiels „go“ auch Züge eigenständig gelernt.

„Wir treiben Maschinen absichtlich aus, zufällig zu handeln.“ Maschinen können keine Entscheidungen bewusst treffen, bekräftigt der KI-Experte noch einmal.

„Ich habe dem Erfinder des Webbrowers gesagt, dass so was keine Sau braucht“, erzählt Chris Boos. „Und hallo, wie falsch lag ich da!“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch andere Menschen das spannend finden würden.

Maschinen würden nichts Ungewöhnliches zusammensetzen, richtige Tüftler jedoch trauen sich auch neue Dinge und so entstünden die richtigen wichtigen Dinge. Maschinen können laut Boos nicht kreativ sein. Was wir, unter anderem deswegen, heute vermehrt brauchen, seien Pioniere. Bettina Rust fragt daraufhin, wie wir solche Pioniere finden und auch schützen können. Boos berichtet daraufhin vom Mars One – Projekt, bei dem sich 40.000 Menschen beworben hatten.

„Es gibt diese Pioniere, man muss eigentlich nur fragen.“

Die Digitalisierung werde einen extremen Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben, wie Bettina Rust sagt, ganze Berufe würden in Zukunft wegfallen und 80 % der menschlichen Kraft durch Roboter ersetzt. Hier geht die Moderatorin zum offenen Brief über, den Chris Boos im letzten Jahr an Angela Merkel schrieb. In diesem fordert er einen gesetzlichen und finanziellen Rahmen, um nicht zukunftsfähige Branchen stillzulegen und gleichzeitig die Menschen nicht vor die Tür zu setzen, sondern ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu erhalten. Die Angst vor den Maschinen und die eigene Ersetzung als Arbeitskraft könnte so überwunden werden. Laut Boos seien die schlimmsten Dinge in der Vergangenheit entstanden, da Menschen Dinge vergessen haben. Wissen über den Bergbau zum Beispiel müsse an Maschinen weitergegeben werden; dies könne nützlich sein, wenn eines Tages beispielsweise ein bestimmter Rohstoff ausgehe.

Rust fragt sich jedoch, was mit den Menschen passieren wird, die durch Maschinen und Roboter ersetzt werden. Boos entgegnet daraufhin, dass man nie wissen könne, welche Jobs in zehn Jahren gemacht werden; vor fünf Jahren habe sich zum Beispiel auch noch niemand vorstellen können, dass YouTuber ein Job sei. Die Annahme, dass alle Leute nichts mehr zu tun haben, sei nur dann korrekt, wenn es nichts mehr zu tun gebe. Und Boos ist der festen Annahme, dass es noch sehr viel zu tun gebe.

Der KI-Pionier glaut, wir seien in einer total einmaligen Situation heute, da die Wirtschaft unter hohem Druck stehe. Wenn man also in der Wirtschaft überleben wolle, müsse man die Leute beschäftigen, denn sonst würde man schneller von einer der großen Plattformen übernommen, als man gucken könne.

„Unsere Aversion gegen Plattformen kommt nur daher, dass wir denken Scheiße, warum ist mir das nicht eingefallen.“

Deswegen möchte Boos auch kein Bashing gegen Plattformen betreiben. Doch der Druck, der durch ebendiese entsteht, sorge auch gleichzeitig für Effizienz.

Die Rentenproblematik in Deutschland, die Schere von Arm und Reich und der Klimawandel seien durch Digitalisierung leichter zu bewältigen, zitiert Bettina Rust noch einmal aus dem offenen Brief von Boos an Angela Merkel und fragt direkt nach, wie dies möglich sei. Laut des KI-Experten haben wir für alle Punkte Ressourcen und sollten diese nutzen.

Ein Aspekt, der für Unternehmen unglaublich wichtig sei und immer wieder gestrichen oder zu wenig beachtet werde, sei Service. Die meisten Menschen präferieren noch immer den persönlichen Service anstatt den einer Maschine. Allein dort könnten mehr Stellen geschaffen werden, so Boos.

Die drei großen Dystopien der Zukunft in der Literatur seien 1984, Clockwork Orange und Brave New World, erzählt Chris Boos. Und keiner der drei Autoren konnte sich vorstellen, dass die jeweilige Dystopie ohne Diktatur erreicht würde – wir hätten dies alles jedoch übertroffen, weil wir Komfort wollten.

Wir wollen zwar Komfort, wir wollen aber auch gerne Kontakt und Service und vor allem auch eine Auswahl; Online-Supermärkte zum Beispiel funktionieren bis heute nicht besonders gut.

Wir müssen unser Sozialverhalten wieder zurücklernen, fordert Boos, und dies werde zwangsläufig passieren, da wir ohne einander nicht auskommen. Menschen haben prinzipiell Angst vorm Scheitern und vor Zurückweisung, vor allem junge Menschen.

„Man kann Erfolg erst genießen, wenn man weiß wie sich Misserfolg anfühlt. Sonst ist Erfolg ja Standard!“

Gewisse Skills müssen also wieder erlernt werden, summiert Bettina Rust anschließend, was Chris Boos jedoch anders herum sieht. Jeder Mensch habe diese Skills schon verankert, man dürfe sie sich nur nicht austreiben. Das heutige Schulsystem sei darauf ausgelegt, aus jedem einen Fabrikarbeiter zu machen. Jedes Kind werde als kleiner Wissenschaftler geboren und nach 13 Jahren Schule, in denen alles getan würde, um sie uniform zu machen, werden sie dazu aufgefordert, außerhalb der Box zu denken.

Abschließend möchte Rust noch einmal über den Digitalrat der Bundesregierung sprechen. Boos erläutert also, warum er dort mitmacht: Er hatte den Eindruck, dass sich Politik die Zeit nehmen möchte, KI und Konsorten zu verstehen, also beschloss er für sich, sich am Digitalrat zu beteiligen. Er möchte Wissen weitergeben und hatte zudem den Eindruck, man könne dort wirklich etwas bewegen.

„Das wichtigste, was wir in Deutschland mal brauchen, ist ein Ziel.“

Was wäre ein solches Ziel für uns Deutschland? „Dass in fünf Jahren hier alle Autos alleine fahren“, sagt Boos klipp und klar; vor allem, da unser ganzes Land an der Automobilindustrie hänge. Es sollten Risiken eingegangen werden, um ein solches Ziel zu erreichen.

Abschließend fordert Bettina Rust Chris Boos dazu auf, eine Frage zu beantworten, die sie nicht gestellt hat. Der KI-Experte bringt daraufhin die Thematik der Zeit ins Spiel. Was können wir tun, um Zeit wieder zu einem echten Wert zu mache; dies treibe ihn sehr um. Wenn Leute mit mehr Zeit an etwas herangehen würden, hätten sie auch wieder mehr Respekt voreinander.

In diesem Sinne danken wir Herrn Boos herzlich für seine Zeit und das inspirierende und informative Gespräch. Bettina Rust danken wir herzlich für die Moderation.

Ein weiterer großer Dank gilt unseren Förderern und Sponsoren und natürlich den zahlreichen Gästen für ihr Kommen.

Fotos: André Wunstorf

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