Denkt man an den Konzern mit dem Kranich im Logo, ist man schnell gedanklich bei einem der größten Standorte am Frankfurter Flughafen. Aber Lufthansa ist nicht nur Flugverkehr. Der Weltkonzern stellt sich den Fragen nach Innovationen im Zeitalter der Digitalisierung und das abseits des Frankfurter Tagesgeschäfts – in den Räumen einer Altbauwohnung direkt am Hackeschen Markt in Berlin. Dort sitzt das Team aus 26 Mitarbeitern im 3. und 4. Stock. Solveig Schulze, Teil des Gründungsteams des Lufthansa Innovation Hubs, begrüßt bereits an der Tür mit einem herzlichen Lachen und führt vorbei an Stellwänden mit Post-Its in den Gemeinschaftsbereich mit Küchenzeile. Wie viele Startups ist auch der Lufthansa Innovation Hub auf den ersten Blick eher eine gemütliche WG als Teil eines Weltkonzerns. Aber genau hier wird die Brücke zwischen der digitalen Welt und der Konzernwelt geschlagen.

Im Hub konzentriert man sich darauf, digitale Geschäftsoptionen zu identifizieren, umzusetzen und geschäftlich nutzbar zu machen. Die Arbeitsfelder lassen sich thematisch in vier Säulen gliedern: Zum einen Trend & Market Intelligence, bei dem es darum geht, Trends im Travel & Mobility Tech Kontext zu verstehen. Der Bereich Venture Development deckt vor allem die Entwicklung digitaler Services und Produkte entlang der gesamten Reisekette ab, die das Reisen effizienter, vernetzter und angenehmer machen. Das Investment Team schaut sich auf dem Markt um und unterstützt die Lufthansa Group bei Beteilungen an Startups im Reise- und Mobilitätssektor. Die Einheit Transform soll das digitale Know-How in den Mutterkonzern tragen. „Beim Thema Reisen und Fliegen passiert im Startup Ökosystem wahnsinnig viel. Im Headquarter in Frankfurt wollen die Kollegen wirklich verstehen, was für Trends gibt es und welche Themen sind für die Lufthansa relevant. Wir bringen die Themen in das Unternehmen und helfen dabei, aus Trends Ideen und aus Ideen digitale Produkte und Services zu entwickeln. Der Fokus liegt dabei sowohl auf dem Endkunden, also B2C, als auch auf Plattformen, die einen Fokus auf B2B haben.“

Dabei ist Solveig wichtig zu betonen, dass hier nichts in Stein gemeißelt ist. Der Hub ist ein agiles Konstrukt und mit seiner Gründung in 2014 eines der ersten dieser Art gewesen. In der Arbeitsweise geht man sehr test- und datengetrieben vor: Schnell in der Entwicklung und im Bau von Prototypen mit kleiner Auflage, bei denen es erst mal darum geht, zu testen, ob sie einen Mehrwert für den Kunden bieten. Dann wird skaliert und iteriert.

Eines der ersten Produkte des Lufthansa Innovation Labs ist AirlineCheckins.com, eine App, die als Checkin-Assistent für mehr als 200 Airlines nutzbar ist. Mit dem neuesten Produkt RYDES wurde ein Rewardprogramm für die urbane Mobilität der Generation Y entwickelt.

Wenn man Solveig von Iteration, Prototyping oder digitalen Geschäftsmodellen reden hört, fragt man sich unweigerlich, ob sie sich schon immer für Tech-Trends und Innovationen im Wirtschaftsbereich interessiert hat. Der Weg in die Welt der Startups hat sich jedenfalls in ihren ersten Ausbildungsjahren nicht direkt abgezeichnet. Als ehemalige Waldorfschülerin stellt sie sich den DWOMEN so vor: „Ja ich war auf der Waldorfschule, ja, ich erfülle die Klischees. Natürlich kann ich meinen Namen tanzen. Und ich war durchgehend Klassensprecherin – von Klasse 1-13. Sowas geht nur auf der Waldorfschule“. Was ihr auf jeden Fall schon früh lag: sich einmischen und sich immer wieder selbst zu fordern. Mit 16 Jahren bewirbt sie sich bei einer Initiative der Bundeszentrale für politische Bildung und wurde prompt eingeladen, weil es die Organisatoren neugierig machte, welcher Teenager seine Freizeit opfert, um etwas über nachhaltige Geschäftsmodelle zu lernen. Auch wenn sie dort im Vergleich zu 25-jährigen Studenten zu den Jüngsten gehörte und bisher wenig mit Themen wie Globalisierung und Nachhaltigkeit in Berührung gekommen war, habe sie aus der Zeit unheimlich viel mitgenommen. Es lohnt sich, etwas anzufangen und neue Felder zu betreten. „Immer anfangen, bevor man bereit ist“ ist ihre Devise.

Nach ihrem Abitur an der Waldorfschule und einem Schuljahr in Schottland ging es erstmal zum Englisch lernen und Arbeiten in ein Hotel nach Kanada. Bei der Rückkehr nach Deutschland fiel ihre Studienwahl dann auf Internationale Politik an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, eine privatwirtschaftliche Universität, bei der das Studium Generale und außeruniversitäres Engagement hoch im Kurs stehen.

So eindeutig die Entscheidung für diese Universität war, so schwer empfand sie die Eingewöhnung dort. Zum ersten Mal sei sie gezwungen worden, sich zu fragen, wofür sie stehe, was ihr wirklich wichtig ist. Sie fand sich zwischen vielen Kommilitonen mit klaren Karrierezielen und konträren politischen Einstellungen wieder. Im Nachhinein beschreibt sie es als sehr bewussten Prozess, sich ihren eigenen Platz dort zu schaffen und die unterschiedlichen Freundeskreise aus dem Uni-Umfeld und ihrer Schulzeit als spannend und Bereicherung wahrzunehmen. An der Universität ist auch ein Netzwerk entstanden, aus dem sie heute noch schöpft. Nach Abschluss des Bachelors zieht es sie mit dem Programm Inwent der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) als Mitarbeiterin eines Bildungsprojekts nach Peru. „Ich wollte ja schließlich die Welt verbessern“, so Solveig. „Es hat mich aber auch realistischer werden lassen, was meinen Einfluss angeht.“ So sei die Diskrepanz zwischen Anspruch und Visionen und der letztendlichen Umsetzung sehr groß gewesen. Andere Zwischenstationen davor und danach sind ein Blick in das Alltagsgeschäft der Politik als Praktikantin im Bundestag und einen Ausflug auf die Seite der Wirtschaft bei dem Beratungsunternehmen Kienbaum Executive Consultants.

Zusammen mit ihrem Freund, den sie in Peru kennengelernt hat, steuert sie Gibraltar als nächste Station an und heuert bei einem Gamingunternehmen an. Sie baut eine Trading Plattform mit auf und taucht das erste Mal in digitale Geschäftsmodelle ein – einen Bereich mit unheimlich vielen Möglichkeiten, dessen Faszination sie nicht mehr loslässt. Den darauffolgenden Master in Barcelona empfindet sie als eine vergleichsweise entspannte Zeit. Hier kommt unweigerlich die Frage auf, die Solveig selbst anspricht: „Wann ist Druck positiv, wann ist er zu viel und wann setzt man sich selbst zu sehr unter Druck?“ Mit Ihren Eltern, beide Lehrer, habe sie darüber diskutiert. „Ich musste damit umgehen, immer die Jüngste zu sein. Aber es hat mir auch die Augen geöffnet, einfach immer neue Themen auszuprobieren, die mir Inspiration gegeben haben.“ Sich immer mal wieder hinterfragen, ist ein persönliches Thema, das sie in einer zusätzlichen Ausbildung als Business Coach angegangen ist, weil sie den damit verbundenen Lernprozess schätzt.

Beim Studium in Barcelona lernte sie in einem internationalen Umfeld viel über Verhandlungen auf internationaler Ebene dazu und hatte nebenbei die Gelegenheit, die Stadt, das Klima und die spanische Lebensart zu genießen. „Eine unheimlich schöne und entspannte Zeit“. Und sie wäre gern geblieben, wenn ihr die spanische Wirtschaftskrise und der damit verbundene schwierige Jobmarkt nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten. Wo es stattdessen hingehen würde, war nach Abschluss des Masters plötzlich unklar. „Ich hatte keine Pläne, das hat mich schon gestresst“, gibt sie lachend zu. Der Rückweg von Barcelona nach Deutschland führte als Camping-Trip durch Südfrankreich. Dort, mitten auf dem Campingplatz, kam dann die Ausschreibung über das Zeppelin-Alumni-Netzwerk für das Lufthansa Innovation Hub. Ihre Bewerbung folgte quasi noch vom Camping-Platz. Das Bauchgefühl nach dem ersten Kennlerngespräch mit dem Projektleiter stimmte und mit der schnellen Zusage von beiden Seiten kam der Einstieg in die Startup-Welt. Dass es Berlin als Ort sein sollte, war dabei keine Frage. Der Lufthansa Innovation Hub startete mit acht Personen, darunter vier Externe und vier Mitarbeiter des Lufthansa-Konzerns. Das kleine Team mietete sich für vier Monate ein Airbnb und arbeitete Tag und Nacht an ersten Projekten, um sich dem Vorstand zu beweisen und eine Verhandlungsbasis für die zukünftige Finanzierung und Eigenständigkeit beim Aufbau des neuen Unternehmens zu erreichen. Denn die Zusammenarbeit zwischen dem Hub mit der Startup-DNA und dem großen Konzern lief anfangs nicht reibungslos ab. In Frankfurt der große Konzern mit langfristig angelegten Prozessen und klaren hierarchischen Strukturen, in Berlin das Hub-Team in seiner „Blase“, das einfach mal loslegte. Das schuf Vorurteile und Unverständnis auf beiden Seiten „Am Anfang haben wir definitiv Fehler gemacht und zum Beispiel viel zu wenig kommuniziert. Wir saßen da in unserer Blase und wollten uns erstmal nicht in die Karten schauen lassen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt die Erfolge vorweisen. Im Konzern stellten sich immer mehr die Frage, was machen die eigentlich, brauchen wir das wirklich, ist das eine reine Spaßveranstaltung,“ beschreibt Solveig im Nachhinein die erste Zeit. Die Kunst liegt in der Kommunikation, die unterschiedlichen Einstellungen, Herangehens- und Arbeitsweisen zu verstehen und zu akzeptieren. Das sieht Solveig auch als einen Punkt, der ihr am meisten Spaß macht – die Vermittlung zwischen den Welten und das Vorantreiben eines Projektes mit unterschiedlichen Akteuren. Wurde das Lab in der ersten Zeit noch bei einigen als „Jugend forscht“ abgetan, haben sie mittlerweile verstanden, wie sie ihr digitales Wissen einbringen und mit digitalen Services Angebote schaffen, die Reisen und Reiseformalitäten erleichtern. Solveigs persönlicher Antrieb war immer die Neugier und die Lust daran, sich auszuprobieren. „Mein Rat an alle: geht dahin, wo ihr etwas mitgestalten könnt, wo es klein ist und wo man ganz neue Felder betritt. Dass ich heute in so vielen Gremien sitzen kann, mich mit Vorständen austausche, hat mit der Expertise in einem relativ neuen, dynamischen Feld zu tun.“ In vielen Konzernen ist die digitale Expertise noch nicht ausreichend vertreten und muss von außen reingeholt werden. Hier sei die Digitalisierung auch eine Chance für Frauen, in einer weiterhin männlich geprägten Arbeitswelt schneller etwas zu bewirken und zu gestalten. Als Digitalexpertin ist man eben ein rares Gut – besonders in klassischen Unternehmensstrukturen. Hätte sie eine Karriere im Konzern angestrebt, hätte sie bis heute nicht mal den Vorstand gesehen, scherzt Solveig.

Vier Jahre nach der Gründung des Hubs hat das Team viel erreicht und mit dem Startup „Yilu“, einer technologischen B2B2C-Plattform, die jegliche Reise- und Mobilitätsdienste verknüpft und für Dritte technologisch anschlussfähig macht, die erste eigene Ausgründung zusammen mit der Lufthansa Group an den Start gebracht. Bevor sie nun aber eine gewisse Routine erreicht und in eine Komfortzone kommt, in der sich wenig Neues tut, bleibt Solveig ihrer Devise „immer neugierig bleiben und sich fordern“ lieber treu. Zum Jahresstart in 2019 wird das Lufthansa Innovation Lab nach China und Singapur expandieren – unter Solveigs Leitung.

Text: Christine Lentz

März 2019