August 2019

Als wir uns wenige Wochen darauf zum Gespräch treffen, haben wir einen der heißesten Tage des Jahres erwischt. Doch das hindert Stephanie nicht daran, erneut munter von ihrer Laufbahn zu berichten.

Geboren in Rostock, machte sie dort 2000 ihr Abitur und verspürte bald den Drang, die Stadt zu verlassen. Ganz pragmatisch entschied sie sich für ein Jahr als Au-pair in Paris, da sie Französisch bereits als zweite Fremdsprache in der Schule gelernt hatte. In Paris zog sie das große Los: Das älteste Kind, auf das sie aufpassen sollte, war fast so alt wie sie selbst und somit wurden sie Freundinnen. Das kleinste Kind war 6, aber auch das war sehr eigenständig. Das Wichtigste an der Zeit in Paris war für sie der Schritt, sich vom behüteten Zuhause loszusagen und hinaus in die Welt zu gehen, eigenständig zu werden. Sie würde es heute genauso wieder machen. Frei nach dem Motto: Je ne regrette rien.

Zurück in Deutschland begann Stephanie ein Französischstudium. Nebenbei arbeitete sie als studentische Hilfskraft in der Bibliothek und kam dadurch zu ihrem zweiten Studiengang: Bibliothekswissenschaften. Und durch dieses wurde sie auf ein Praktikum in Vietnam aufmerksam; die Konversion eines Bibliothekskataloges in Ho-Chi-Minh-Stadt. Stephanie bewarb sich kurzerhand und wurde angenommen. Vor Ort wurde sie von 100 vietnamesischen Kollegen empfangen, die mit der Aufgabe der Konversion betraut waren und deren Unterstützung Stephanie von nun an sein sollte. Sie begann damit, Fragen zu beantworten und Schulungen durchzuführen, um den Kollegen die Arbeit zu erleichtern. Aufgrund einiger kultureller Unterschiede konnte sie in der Zusammenarbeit sehr viel lernen – ein Nein hörte sie dort beispielsweise eher selten. So lernte Stephanie, die Kollegen zu lesen, um herauszufinden, ob eine Antwort auch wirklich verstanden wurde. Ebenso lernte sie, die Kollegen so zu unterstützen und zu befähigen, dass sie viele der Fragen alsbald selbst beantworten konnten.

„Es war wie vieles andere in meinem Lebenslauf auch, ich bin einfach rein gesprungen, ich wusste nicht, was mich erwartete, aber habe es einfach gemacht.“

Nach ihrer Rückkehr ging sie für einen Studentenjob zu Jamba. Ihre Tätigkeit bestand darin, Recherche für den Aufbau einer Online-Dating-Plattform zu betreiben. Wir schreiben nun das Jahr 2006 und damit auch den Aufstieg von Facebook und MySpace. Auch Jamba wollte auf diesen Markt und ein eigenes soziales Netzwerk ins Leben rufen.

Stephanie merkte schnell, dass sie Lust auf das Thema hatte und stieg als Junior Produktmanagerin ein – ohne viel Erfahrung. Es war für sie learning on the job – Begriffe, die sie nicht kannte, notierte sie sich und anstatt den anderen nur zuzuschauen, probierte sie einfach aus. So lernte sie unter anderem die Zusammenarbeit mit Entwicklern und Designern sehr zu schätzen.

2008 ging es für Stephanie dann zu MTV, für die sie die Lernplattform Club Nick entwickeln sollte. Hier bekam sie die Möglichkeit, ein eigenes Team und ein eigenes Produkt quasi from scratch aufzubauen. Am 8.8.2008 wurde die Plattform gelauncht.

„Ich hatte keine Ahnung, wie man ein Team aufbaut, geschweige denn wie man ein Produkt auf der grünen Wiese  entwickelt – habe aber einfach mal angefangen und durch trial and error viel gelernt.“

Es war für sie eine gute, aber auch schwierige Zeit. Sie merkte, dass es ihr nicht 100%ig lag, in großen Firmen mit vielen Hierarchiestufen und langen Entscheidungsschleifen zu arbeiten.

Da sie mit Jens Begemann, ihrem ehemaligen Chef-Chef bei Jamba, in Kontakt geblieben war, bot er ihr 2009 an, in seiner neu gegründeten Firma Wooga als Produktmanagerin einzusteigen. Sie empfand es als sehr bereichernd, bei einem Unternehmen von Anfang an mit dabei zu sein. In ihren sechs Jahren bei Wooga wuchs die Firma sehr schnell auf 300 Mitarbeiter. Irgendwann verantwortete sie mehrere Spiele und leitete die dazugehörigen Teams. 2015 stieg sie bei Wooga aus, was ihr durchaus nicht leicht fiel.

„Es war mein Baby und liegt mir auch heute noch sehr am Herzen. Trotzdem habe ich diesen Schritt nie bereut.“

Der Grund für ihren Ausstieg: sie lernte eine Ärztin und einen Entwickler kennen, die an einer App für Diabetes 2 Patienten arbeiteten und ging für dieses Projekt nach Mailand. Leider musste das Gründungsteam nach einem halben Jahr feststellen, dass sie nicht gut zusammenpassten und Stephanie zog wieder zurück in die deutsche Hauptstadt.

Eine der nächsten Stationen war schließlich Clue, ein Unternehmen, das eine Zyklustracker-App entwickelt. Anschließend nutzte sie die Elternzeit für eine längere Zeit im Ausland – sie reiste mit Mann und Kind drei Monate um die Welt, was für sie eine unglaublich tolle Erfahrung war und sie jedem nur empfehlen kann. „Diese Zeit ist einfach Gold wert.“

Während ihrer Elternzeit kam Jan Beckers von Hitfox (heute IONIQ) mit der Frage auf sie zu, ob sie bei Heartbeat Labs einsteigen möchte. Stephanie schlug dies zunächst aus, da die Anfangs-Kita-Zeit ihrer Tochter mit den bekannten Viren bevorstand. Jan akzeptierte das nicht als Grund und schlug ihr am nächsten Tag ein paar Veränderungen ihrer möglichen Rolle bei Heartbeat Labs vor, die es Stephanie leichter machen sollten, Familie und Führungsrolle zu vereinen. Stephanie sagte zu. “Das Eltern-Sein und der Unternehmensaufbau haben jedoch durchaus seine Herausforderungen und man kommt manchmal an seine Grenzen”, so Stephanie. Sie ist trotzdem nach wie vor sehr glücklich über diesen Schritt.

Seit dieser Entscheidung ist Stephanie bei Heartbeat Labs, einer Plattform für digitale Gesundheitslösungen. Auf der einen Seite investiert Heartbeat Labs in Unternehmen aus dem Bereich; aktuell hat die Firma neun Investments und agiert bei ihren Beteiligungen als VC. Auf der anderen Seite gründet Heartbeat Labs selbst Unternehmen, bei deren Aufbau das Team als Company Builder operativ unterstützt. Heartbeat Labs möchte die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zusammenbringen und so im Gesundheitssystem mit digitalem Werkzeug etwas bewegen. In den letzten zwei Jahren hat Heartbeat Labs dazu sechs Unternehmen gegründet. Hierzu zählt zum Beispiel Kinderheldin, eine Beratung für Schwangere und junge Eltern.

Alle Ventures sitzen in einem Haus. Wichtig ist, dass die Teams voneinander lernen und nicht alle Fehler doppelt und dreifach gemacht werden.

Die Vision von Heartbeat Labs ist es, im Gesundheitsmarkt die Versorgung für Patienten und andere Stakeholder durch digitale Lösungen zu verbessern. Das werden sie nicht alleine schaffen, das sei klar, doch es passiere gerade schon sehr viel. Stephanie freut sich über die Impulse und Gesetzesvorschläge, die aktuell aus dem Bundesministerium für Gesundheit kommen. Sie hofft auf die Verabschiedung des DVG (Digitale Versorgung Gesetz), welches einen enormen Fortschritt bedeuten würde und viele Vorteile für Heartbeat Labs und das digitale Gesundheitssystem brächte. Da die Deutschen mit kostenlosen Gesundheitsangeboten sozialisiert und die Übernahme durch die Krankenkassen gewöhnt sind, wäre es enorm wichtig, dass auch digitale Lösungen durch eben jene gezahlt würden. Das Angebot von Kinderheldin zum Beispiel wird bereits unter anderem von der Barmer übernommen.

Neben ihrer Rolle als Geschäftsführerin von Heartbeat Labs ist Stephanie Kaiser eine von neun ehrenamtlichen Mitgliedern des Digitalrats der deutschen Bundesregierung. Hier nimmt sie sowohl an internen Sitzungen des Rats teil, als auch an den offiziellen gemeinsam mit der Regierung.

Die Arbeitsweise ist so, wie sie gepredigt wird: Alle sind sehr umsetzungsorientiert und arbeiten agil. Denn alle haben ein gemeinsames Ziel: vorwärtskommen. Der Digitalrat freut sich über die Offenheit und den Willen zu verstehen, der ihm entgegengebracht wird.

„Wir wollen der Regierung helfen, die Digitalisierung in Deutschland voran zu bringen. Und das reicht als Mission. Für mich als Produktlerin ist das eine Mission, für die ich jeden Tag aufstehen kann.“

Ein Porträt von Alice Bucher