Als Geschäftsführerin der DACH-Region bei Vevo, einer weltweit führenden Entertainment Musik- und Videoplattform, arbeitete sie an der Schnittstelle von Musik, Streaming, Tech und Ad Sales. Über fünf Jahre hinweg hatte Tina in Berlin die deutsche Dependance aufgebaut und ein junges Team zusammengestellt, das eine Erfolgsgeschichte verzeichnen konnte. Der Abbruch traf die Vevo-Crew in dieser Phase eher unerwartet. Eben hatte man noch die Marke von 600 Millionen Videoviews im Monat überschritten.

Das war nicht leicht. Auch für eine Geschäftsführerin aus dem Musikbusiness, das bekannterweise als eine der ersten Medienbranchen in der Digitalisierung die Downs (und später auch wieder Ups) erlebt hat.  „Bei der Verkündigung der Schließung stand ein Team da, das sehr jung und talentiert ist und in zukunftsträchtigen Berufen wie Data Science arbeitet. Es war klar, dass alle schnell einen neuen Job finden können, und trotzdem ist der Schock für viele groß. Wie geht es weiter?“, so Tina.

Jetzt bei der Schließung der Dependance kämpft sie mit den Absurditäten des globalen Arbeitsmarkts. Die Kündigungsverträge mussten in den USA unterzeichnet werden. Dort gibt es das DinA4-Format der deutschen Papierbehörden nicht. Für deutsche Kündigungen müssen die Verträge auf deutsch-genormtes Papier. Nach langer Online-Recherche und nachdem man bei der US-Firma kurz davor war, teuerstes japanisches filigranes Papier in der New Yorker Hipster Papeterie zu kaufen, weil es das einzige im richtigen Format war, das zeitgerecht zu besorgen war, flog schließlich die Personalchefin aus London mit einem Bündel DinA4 Papier in die USA, um dort alles zu drucken und unterschreiben zu lassen.

„Es gibt ja auch im Management solche, die als erstes gehen und das sinkende Schiff verlassen. Meine Philosophie ist: Ich bin die, die die Tür zumacht. Ich fühle mich verantwortlich und baue nötigenfalls auch ab, was ich aufgebaut habe.“

Die fünf Jahre bei Vevo waren gleichzeitig Tinas längster Arbeitsplatz in einem Unternehmen, den sie noch bis zur letzten Minute ausfüllte. Zuvor war sie im Schnitt alle dreieinhalb Jahre gewechselt, hat immer wieder neue Herausforderungen gesucht.

In welche Richtung es sie als nächstes ziehen wird, kann sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber klar ist: ganz ohne Musik wird es nicht gehen. Ihren eigenen Musikgeschmack beschreibt sie als eklektisch. Eine Nick Cave Platte wäre immer eine von den 10 Platten für die Insel. Musikerinnen wie St. Vincent, die stark interdisziplinär arbeiten, begeistern sie.

Die Liebe zum Musikbusiness war von Anfang an da und zieht sich durch ihre bisherigen beruflichen Stationen wie eine Konstante. Schon vor dem Abi schrieb sie für die Nürnberger Zeitung Musikkritiken. Das war der Einstieg in den Musikmarkt und den Journalismus, auf den das Studium der Diplom-Journalistik in München folgte. Den Journalismus hat sie hinter sich gelassen, die Musik nicht. „Dass ich letztendlich nicht Journalistin geworden bin, habe ich nie als verlorene Karriere angesehen.“ Sie hat relativ schnell gemerkt, dass sie gern mit kreativen Leuten arbeitet, strategisch nach vorne denkt, Stärken unterstützt. Auch in der Teamführung  ist es ihr wichtig, Leuten Dingen zuzutrauen, die sie vielleicht selbst bei sich noch nicht sehen und ihnen andere Aufgabenfelder anzuvertrauen, die ihren Stärken entsprechen. Das mache auch die Magie im Team aus, wenn man Leute fördert und das gesamte Projekt so voranbringen kann.

Dass es immer weitergeht, das merkte sie auch, als sie ihren ersten großen Job für ein Musikmagazin in London antrat, im Unternehmen des Verlagsmoguls Robert Maxwell. Der als Gegenspieler von Rupert Murdoch bekannt gewordene Unternehmer verschwand in dieser Zeit auf ungeklärte Weise von seiner Yacht vor den Kanaren, um wenig später tot aufgefunden zu werden. Er hinterließ einen hochverschuldeten Konzern und hatte zu allem Übel auch die Pensionsfonds der Mitarbeiter veruntreut. Eigentlich gekommen um länger in London zu bleiben, ging Tina daraufhin nach Deutschland zurück und arbeitete für einen Verleger, der sich ebenfalls in die Pleite manövrierte. „Eigentlich war es mein ‚großes Glück‘, dass meine ersten beiden Arbeitgeber im Journalismus und Medienbereich pleite gegangen sind. Dadurch habe ich gelernt, dass immer wieder was Neues kommt.“ Etwas Neues kam in den 90ern und um die Jahrtausendwende in der Musikbranche ständig. Sie ging mit, wo die Branche hinging.

Sie wechselte zu Virgin Records, als der Gründer Richard Branson noch selbst als Eigentümer fungierte. Auch hier kam es zu einem schnellen Wandel, da parallel die Branson Airline Virgin Probleme machte und der Milliardär sich vom Schallplattengeschäft trennen musste. Nach einer Zwischenstation beim Indielabel Mute Records in Stuttgart bekam sie das Angebot, ein neues Label von Richard Branson aufzubauen und zog 1996 nach Berlin – zu einem Zeitpunkt, als noch kaum Plattenfirmen dem Ruf der Hauptstadt gefolgt waren und der Markt sich zwischen Schlager von Bertelsmann, Indie und Techno aufteilte. Drei weitere Jahre später kehrte sie zu Mute Records zurück (dem Label u.a. von Depeche Mode, Erasure und Nick Cave), das wiederum nach der Jahrtausendwende an EMI Music verkauft wurde. Nach Jahren zwischen Indies und Majors pendelte sie als Senior Vice President Music zwischen Köln und Berlin, entschied sich dann aber 2007 für ihr eigenes Ding und gründete Creative Lobby als Beratungsunternehmen in Zusammenarbeit mit einer Anwaltskanzlei für Künstler, die sie in der Vermarktung ihrer Ideen und Sicherung ihrer Rechte unterstützte. Creative Lobby als Unternehmen liegt still seit die Anfrage von Vevo kam und Tina sich für den Wechsel zurück auf die Unternehmensseite entschied.

Sie war neugierig, der Weg ins General Management bei Vevo passte. Als Geschäftsführerin liefen bei ihr alle Fäden zusammen: Personalwesen, Finanzen, Verträge, Coaching, Redaktionsentscheidungen, Strategie, Verhandlungen. „Es gibt viel Abwechslung, mal kniet man sich ein halbes Jahr in Sales-Themen rein, dann geht es wieder um Personalmanagement. Irgendwann ist man alles so halb – halb Rechtsanwalt, halb Chefredakteur, halb Finanzchef.“  Auch die Aufgabenbereiche in der Musikwelt haben sich verändert. Die Branche hat sich mittlerweile neu erfunden, und die Strukturen sind im Wandel. Es dreht sich viel um Technik und Streaming, Advertising, Subscription. Das eröffnet neue Positionen, ständig werden neue Geschäftsmodelle entwickelt und es braucht neue Qualifikationen in Berufen, die es bisher in der Musikbranche noch nicht gab. Trotzdem sagt Tina von sich selbst, sie habe noch nie mit einem Produkt gearbeitet, immer mit Menschen und Künstlern. Ihre Stationen ziehen sich von München, Stuttgart, Nürnberg, Dortmund, Hamburg, Köln über London und aktuell bzw. immer wieder Berlin. Die Neugierde, etwas anderes kennenzulernen, war dabei immer der Hauptantrieb. Die beruflichen Schritte haben sich dabei nach und nach ergeben, ohne dass sie einem bestimmten Karriereplan gefolgt sei.

So auch das Motto der Football-Legende Ty Howard, das sie den DWOMEN mitgeben möchte: „To fear change is to fear being challenged.“

Seit September 2018 ist Tina Funk als Managing Director für Concord Music für den deutschen Markt zuständig.

Hier geht es zur Rückschau zu DWOMEN mit Tina Funk.

Über die DWOMEN – platform for women in digital business:

MCB_D-WOMEN-Logo_quer-schwarzMit der Initiative DWOMEN laden Sonja Kardorf, Vorstandsmitglied der IBB, und Andrea Peters, Vorstandsvorsitzende des media:net, zwei Mal jährlich inspirierende Frauen aus der Digitalwirtschaft zum vernetzenden Frühstück. Impulse gaben bereits Joana Breidenbach, Stephanie Caspar, Verena Pausder,  Lea-Sophie Cramer , Nora Beckerhaus und Natacha Neumann.

Die nächste DWOMEN-Runde findet am 16. November mit Solveig Schulz, Lufthansa Innovation Hub GmbH, statt. Weitere Infos gibt es hier

Text: Christine Lentz