1. Andrea, du bist vor einem halben Jahr bei der Theaterkunst angetreten, um u.a. die Digitalisierung des Fundus und die Internationalisierung voranzutreiben. Zu letzterem Punkt zählt sicherlich die Eröffnung des Showrooms in Budapest im Mai. Wie ist die Resonanz dazu? Und wie konnten deine Vorhaben generell bisher umgesetzt werden?
    • Nach dem ersten halben Jahr als Geschäftsführerin der Theaterkunst kann ich sagen, dass wir mit den großen Aufgaben, die wir uns selbst gestellt haben, gut vorankommen. Ein Unternehmen mit 114-jähriger Geschichte lässt sich mit seinen umfangreichen und organisch gewachsenen Prozessen nicht von heute auf morgen verändern, aber wir sind auf einem sehr guten Weg.

       

    • Das Thema Digitalisierung spielt aktuell eine besonders große Rolle, denn nicht nur nationale Produktionen, sondern vor allem auch internationale Produktionen erfordern von uns eine sehr viel schnellere Bearbeitung und Abwicklung. Das wird uns unser neues Warenwirtschaftssystem ermöglichen. Man muss bedenken, dass wir unseren Fundus mit mehr als 10 Millionen Kostümteilen während des laufenden Betriebs digitalisieren. Derzeit sind zum Beispiel große Mengen an Kostümen für verschiedene nationale und internationale Film- sowie Serienprojekte unterwegs. Das Geschäft läuft weiterhin im Hochbetrieb.

       

    • Unsere Tochtergesellschaften in Ungarn und Polen betreuen wie wir in Berlin und Köln bereits nach nur einem Jahr große internationale Projekte. Die Theaterkunst Kft. haben wir 2020 genau an dem Tag gegründet, als der Lockdown bekanntgeben wurde. Das heißt, auf den Startschuss folgten direkt einige Monate des Stillstands. Im Herbst des vergangenen Jahres ging es wieder mit den ersten Projekten in Budapest los. Heute sind wir vor Ort mit Produktionsfirmen und Kostümbilder*innen in Kontakt und besprechen die kommenden Projekte. Es sind spannende Sachen geplant, auf die wir uns sehr freuen. Leider dürfen wir im Moment noch keine Filmtitel nennen. Es ist schön zu sehen, wie ein neuer Standort step by step und von Projekt zu Projekt wächst. Der Showroom ist nur der Anfang!
  2. Wie haben sich euer Kundenstamm bzw. die Projekte in den letzten Monaten und Jahren verändert? Versorgt ihr z.B. mittlerweile mehr Serien- als Filmprojekte? Fragen vermehrt internationale Produktionen an?
    • Wie in vielen Branchen ist die Pandemie auch an uns nicht spurlos vorbeigegangen. Nach einem kurzen Stillstand im März 2020 hat sich bald eine völlig neue, unerwartete Situation ergeben:  Die Anzahl der Serienprojekte ist in den vergangenen 12 Monaten exponentiell angestiegen. Es wurden kaum noch Filme fürs Kino produziert. Zum Glück geht es jetzt gerade wieder ein bisschen los und Kostümbildner*innen kommen für Filme für die große Leinwand zu uns. Die Auswirkungen für unser Kostümhaus waren deutlich spürbar: Unsere Kostümteile sind für Serienprojekte sehr viel länger aus dem Haus, das heißt, wir können einzelne Teile nicht wie bisher mehrmals im Jahr vermieten, sondern teilweise nur ein- oder zweimal.

       

    • Hinzu kommt, dass es einen absoluten Run auf bestimmte Epochen gibt. Besonders beliebt sind derzeit die Jahrhundertwende um 1900 und weiterhin die 20er Jahre. Auch hier müssen wir dafür Sorge tragen, dass immer ausreichend Kostümteile vorhanden sind, um die Produktionen zu bedienen. Das gelingt uns, mit annähernd 10 Millionen Teilen sehr gut.

       

    • Erfreulich ist natürlich, dass wir bei den meisten Serien als Dienstleister dabei sind, von „Babylon Berlin“, über „1899“, „Der König von Palma“, „Der Palast“ bis hin zum sensationellen Instagram -Account #ichbinsophiescholl.
  3. Mit „Ich bin Sophie Scholl“ und der vierten Staffel von „Babylon Berlin“ habt ihr zurzeit spannende und erfolgreiche Projekte am Start. Welche Highlights gibt es noch? Und welche Projekte sind in diesem Jahr besonders herausfordernd für euch und weshalb?
    • Ja, über das Projekt Sophie Scholl freuen wir uns wirklich sehr und gratulieren den Machern nochmals herzlich zum Wahnsinnserfolg auf Instagram. Das Projekt hat großen Spaß gemacht, denn hier mussten die Kostümbildner*innen ganz anders arbeiten. Kostüme kommen bei einer im Selfie-Modus gedrehten Serie anders zur Geltung als im bekannten Querformat. Das zu begleiten war klasse.

       

    • Ich hatte wirklich das Glück, dass gleich mit dem Start ins neue Jahr und in den neuen Job spannende Projekte ins Haus kamen: „Honecker und der Pastor“, „Faking Hitler“, „Sissi-The Empress“, „Almost Fly“, „All quiet on the Western Front“ und so unglaublich viele mehr.

       

    • Toll ist für mich zu sehen und natürlich immer noch zu lernen, wie Kostümbildner*innen arbeiten. Ich freue mich jeden Tag, immer wieder einige der namhaftesten Kostümbilder*innen kennenlernen zu dürfen. Am meisten freue ich mich aber natürlich auf den Tag, an dem die erste Produktion, die ich hier von Anfang bis Ende begleiten durfte, auf einer der Streaming-Plattformen, Sender oder im Kino läuft.

 

Juli 2021

Bild: Florian Liedel