1. Frau Herrhausen, „Was glauben wir eigentlich, wer wir sind?“ Diese Frage eröffnete die diesjährige „Denk ich an Deutschland“ Konferenz, die sie gemeinsam mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung Ende März veranstaltet haben. Welche Botschaften haben Sie für sich mitgenommen?
    • Anna Herrhausen: Was glauben wir eigentlich, wer wir sind? – Wir haben diese Frage als Titel der Konferenz gewählt, weil wir den Eindruck hatten, dass sie sich derzeit in unterschiedlichen Bereichen stellt – und, dass die Antworten auf die Frage jeweils Auswirkungen auf die Politik haben werden, sowohl innen- als auch außenpolitisch. Wie sehr oder wie wenig sind Ost- und Westdeutschland knapp 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer zusammen gewachsen? Wie sehr oder wie wenig kann und möchte Deutschland auf internationalem Parkett eine emanzipierte, ja vielleicht sogar eine Führungsrolle einnehmen? Mein Eindruck von der Konferenz war, dass wir erst jetzt beginnen, eine breite öffentliche Debatte über die immer noch herrschenden ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zu führen. Und, dass wir im Allgemeinen zwar bereit sind, auf internationaler Ebene selbstbewusster zu agieren, wir aber uns noch nicht darüber im Klaren sind, wie genau wir diese Rolle ausfüllen wollen – inkl. des Einsatzes, welcher im Zuge dessen erbracht werden muss.
  2. Nicht mehr „melting pot“ sondern „vegetable soup“, so bezeichnete die Integrationsforscherin und #DiaD2019 Speakerin Naika Foroutan die USA von heute. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Globalisierung – wie kann Deutschland, wie kann Europa den Anschluss schaffen ohne seine Werte zu verraten?
    • Anna Herrhausen: Ich finde den Begriff „vegetable soup“ sehr schön. Hier wird verdeutlicht, dass wir eine plurale Gesellschaft anstreben. Eine Gesellschaft, in der Individuen bzw. bestimmte Gruppen ihre Identität wahren und ausleben können, und gleichzeitig eine Gesellschaft, die auch in ihrer Gesamtheit interessant und ansprechend ist. Dies ist ein Wert, den Deutschland und Europa stärken sollten! Überträgt man dies auf die Digitalisierung wird deutlich, dass wir gut daran tun, die Persönlichkeitsrechte im Internet zu stärken. Schutz der Individualität setzt Schutz der Privatsphäre voraus. Daher sollten wir sowohl in der Weiterentwicklung von Regulierung als auch in der Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen verstärkt daran arbeiten, die vermeintlich im Widerspruch befindlichen Maximen von Big Data und Persönlichkeitsrechten auszubalancieren.
  3. Herr Eisenach, die Deutsche Bank Stiftung fördert Projekte im Bereich Kultur, Integration und Chancengleichheit. Welchen Wert haben Diversity und Inklusion in Unternehmen und in der Gesellschaft für Sie und die Deutsche Bank? 
    • Harald Eisenach: Vielfalt ist eine notwendige Quelle von Kreativität – das gilt für alle Unternehmen und Gesellschaftsformen. In der heutigen komplexen Welt hat keiner alleine mehr den Überblick. Keiner hat die Antworten auf alle Fragen. Oder haben Sie eine Glaskugel? Unterschiedliche Hintergründe und Einstellungen führen zu mehr Verständnis und – bei offenem Austausch untereinander – erhöhen die Chancen für passende Lösungen. Gerade wir hier in Berlin profitieren von einem unverkrampften Umgang mit Vielfalt. Dies trifft auch auf uns in der Deutschen Bank zu. Bei uns arbeiten Menschen aus über 65 Ländern, weltweit gesehen sind es 146 Nationalitäten, allein deswegen ist unsere Belegschaft schon vielfältig.Wir haben viele Mitarbeiternetzwerke, die sich für Vielfalt einsetzen. Das Thema spielt bei uns eine große Rolle, beispielsweise nehmen wir in mehreren Städten am Christopher-Street-Day (CSD) teil und engagieren uns bei „Open for Business“. Das ist ein Zusammenschluss weltweit tätiger Unternehmen mit dem Ziel, für LSBTQI-Rechte aus geschäftlicher Sicht zu werben. Unser Vorstand Karl von Rohr und andere Vertreter von „Open for Business“ waren kürzlich im Vatikan, um über die Diskriminierung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, Transgender-, Queer- und intersexuellen Menschen (LSBTQI) zu debattieren. Außerdem hat sich die Deutsche Bank dem Boykott einer Hotelgruppe angeschlossen, die dem Sultanat Brunei gehört. Denn dort stellt ein neues Gesetz Homosexualität unter Todesstrafe.
  4. Sind Unternehmen, egal ob Medienunternehmen oder Banken, mit einer Strategie für mehr Vielfalt in allen Führungsebenen die Gewinner im Europa 2025? Und was macht aus ihrer Sicht eine gute Führungskraft aus, um just diese Ziele zu erreichen?
    • Harald Eisenach: Unternehmen und ihre Führungskräfte sind gut beraten, die Vielfalt zu fördern, um zukunfts- und wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei kann jeder helfen sicherzustellen, dass es weniger Beispiele gibt wie dieses: Ein Mitarbeiter stellt auf seinen Schreibtisch ein Bild seiner Schwester und erklärt es sei seine Frau, nur weil er nicht glaubt, dass er offen zeigen darf, dass er homosexuell ist. Führungskräfte – und eigentlich alle – können durch eigenes Zutun ein Umfeld schaffen, in dem Vielfalt gedeihen kann. Dazu gehört Offenheit und Toleranz und offener Widerstand gegen Diskriminierung! Menschen können in einem solchen Umfeld besser wachsen und leisten und die Unternehmen profitieren davon.
  5. Frau Herrhausen, Herr Eisenach – die weltweit einflussreichsten Medienunternehmen kommen aus den USA und China. Amazons, Facebooks, Alibabas oder Tencents KI-Kompetenz und Möglichkeiten scheinen für Berlin-Brandenburger Unternehmen unerreichbar. Welche Verantwortung sollten Medienunternehmen hier am Standort für Europa übernehmen? Wo müssen die Medienunternehmerinnen und Medienunternehmer ihre Stimmen erheben?
    • Was heißt unerreichbar? Wir können nicht nichts tun, nur weil die anderen vorne liegen. Künstliche Intelligenz bietet für Deutschland und seine Unternehmen große Chancen. Die ganze Welt bewundert uns für unsere Ingenieure und unsere produzierenden Unternehmen. Wenn wir unser Know-how mit KI vernetzen, können wir den Rückstand zu Google und Co. verringern oder gar aufholen. Die deutschen und europäischen Medienunternehmen sollten die Gesellschaft unterstützen aus dem – für mich oft masochistischen – Schlechtreden unserer Fähigkeiten auszubrechen. Meiner Einschätzung nach gibt es hier sehr viele Menschen, die alle meinen zu wissen, was falsch läuft, und die haben und bekommen viel Medienpräsenz. Sehr viel weniger Menschen scheinen sich verpflichtet zu fühlen, auch etwas selbst zu verbessern oder dazu beizutragen. Schlechtreden und Lamentieren alleine hat noch nie etwas verbessert. Wir haben in diesem Land und Europa viel Potential und wenn dieses wieder in den Vordergrund rückt, auch in den Medien, werden mehr Menschen Lust an der Gestaltung der Zukunft haben und darüber auch in der Öffentlichkeit reden.

 

April 2019

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