DWOMEN Nora Beckershaus Titelbild gespiegelt

Heute leitet Nora Beckershaus Refinery29 Germany und steuert somit die strategische Ausrichtung der Lifestyle-Plattform in Deutschland. Beckershaus könnte selbst nicht facettenreicher sein, ihre Vita passt in keine Schublade.

In den vielseitigen Möglichkeiten der Digitalisierung hat Beckershaus ihre Leidenschaft entdeckt. Die Journalistin wechselte 2013 in Axel Springers strategische Produktentwicklung AS Ideas Ventures, wo Data driven Journalism, Native Advertising und Plattform-Strategie zu ihren Schwerpunkten wurden. Unter ihr wurde das Springer-Startup Celepedia in gerade einmal 12 Monaten zum Marktführer unter den digitalen Angeboten für Jugendliche.

Zuvor arbeitete die Refinery29-Macherin erfolgreich als Journalistin und Redaktionsleiterin. Dabei war sie unter anderem für die Verlagshäuser BURDA, BAUER und AXEL SPRINGER tätig, setzte ihr Wissen für Titel wie BILD, STYLEBOOK, BUNTE, InStyle oder Bravo um. In die Verlagswelt war Beckershaus erstmals während ihres Jura-Studiums in München eingetaucht, wo sie Abend-Assistentin von Patricia Riekel, damals Herausgeberin der Burda Style Group und Chefredakteurin der Titel InStyle und Bunte, wurde.

Begonnen hat ihr Weg aber auf einer Montessori-Schule bei Hamburg, wo sich bereits ihre Vielschichtigkeit zeigte. Einerseits fiel ihr Talent für logisches, rationales Denken auf — wäre es nach ihrer Grundschullehrerin gegangen, wäre sie Naturwissenschaftlerin geworden. Ihre freie Zeit aber nutzte die junge Schülerin dafür, Geschichten zu schreiben: Auch das machte ihr Spaß, auf eine Sache allein wollte sie sich nicht beschränken.

So wurde die norddeutsche Idylle schnell zu eintönig. Die Möglichkeiten, etwas weiter zu denken, fehlten. Mit 16 folgte der Wechsel auf die internationale St. Clare’s Schule in Oxford, wo es auf einmal Schüler aus 120 verschiedenen Ländern gab und auch der Lehrplan vor Vielfältigkeit strotzte. Der Schulabschluss „International Baccalaureate“ fordert mit drei Leistungskursen breit aufgestellte Schüler und bot Beckershaus neben kreativen und gesellschaftlichen Fächern auch naturwissenschaftliche Einblicke. Daneben standen juristische Themenkontexte vermehrt im Fokus, so dass es die Abiturientin mit dem Ziel, Anwältin zu werden, zum Studium der Rechtswissenschaften nach München verschlug. „Jura gibt enorm viel Orientierung und hilft, Sachverhalte einzuordnen. Heute würde ich sagen, dass es eine fantastische Basis für mich war, meinen Weg zu gehen — damals wollte ich unbedingt Juristin werden“, erzählt Beckershaus im Gespräch.

Auch wenn sie als Jura-Studentin ihre analytische Seite ausleben konnte, machte sich schnell ein Mangel an Kreativität bemerkbar. Damals wusste sie noch nicht, dass die Kombination aus beidem ihr Spezialgebiet werden würde. Beckershaus entschied, neben dem Studium journalistisch arbeiten zu wollen und überzeugte die Personalabteilung des Burda Verlags schnell, ihre Bewerbung zu platzieren. Ohne journalistische Vorkenntnisse war dies jedoch nicht so leicht, so dass sie in der Warteschleife für einen Assistenzjob in der BUNTE-Chefredaktion landete. Beckershaus aber wollte nicht warten und fragte nach, was sie hätte besser machen können, woraufhin sie nachträglich als studentische Hilfskraft für Patricia Riekel eingestellt wurde. Die Personaler von Burda hatte beeindruckt, „dass jemand sofort den Fehler bei sich sucht und die Sache selbst in die Hand nimmt. Entschlossenheit und der Wille sich weiterzuentwickeln sind ein wichtiges Einstellungsmerkmal für einen Berufseinsteiger.“

Der Job als Assistentin von Patricia Riekel gab einen einmaligen Einblick in die Verlagswelt, dennoch wollte Beckershaus auch selbst redaktionelle Inhalte schaffen. Nach nur einem Jahr begann sie als Modejournalistin bei dem Titel InStyle, bevor sie zur Bravo weiterzog. „Professionell zu sein bedeutet auch,“ so Beckershaus, „weitere Facetten von sich zu erkennen und zu Stärken zu machen“. Während ihrer Zeit bei der Bravo bedeutete das, neben dem journalistischen Inhalt auch das erste Mal mit Marketing konfrontiert zu werden: Neben Kooperationen zählte etwa die Auswahl der oft verkaufsentscheidenden Extras zu ihren Aufgaben.

Nach München sollte es die Hauptstadt sein. Nora Beckershaus zog nach Berlin und arbeitete mit Katja Kessler an deren Blog „Katjas Kladde“, der ihr durch seine digitale Natur eine ganz neue Form des Geschichtenerzählens ermöglichte. „Das Tolle am Digitalen ist, dass man auf ganz vielen verschiedenen Ebenen erzählen kann, ob in Bild, Ton, in einer Kombi von beidem oder auch in einem Gif. Storytelling gibt es im Print nicht.“

„Zu diesem Zeitpunkt ist in mir die Begeisterung für digitale Medien entstanden“, sagt Beckershaus heute über ihre Arbeit für „Katjas Kladde“. Mit gerade einmal 25 Jahren verantwortete Beckershaus danach die letzte Seiter der BILD-Bundesausgabe, bevor sich schnell ein weiteres digitales Sprungbrett im Hause Axel Springer für sie ergab. Das Startup-Ideenlabor AS Ideas Ventures wurde ihre nächste Station. Der Inhouse-Inkubator launcht zu dieser Zeit insgesamt 15 neue digitale Produkte, von denen einige später in den Konzern eingeschert werden, während andere scheitern. Beckershaus leitete die datengetriebene Redaktion des Jugendtitels Celepedia. Vom Launch zur Marktführerschaft: In einer klassischen Startup-Atmosphäre offenbarten sich Beckershaus die Entfaltungsmöglichkeiten der strategischen Produktentwicklung, die ihr späteres Fundament als Managerin bilden sollten.

Refinery29 Team Deutschland by EyeCandyBerlin Visual mit Zitat

Seit Mitte 2016 bringt die Strategin nun als Director of Operations, Marketing  & Growth ihre digitale Expertise beim deutschen Ableger von Refinery29 ein. Ihr ist bewusst, dass der Beruf des Journalisten sich nicht mehr bloß auf das Schreiben von Artikeln beschränkt, sondern neben dem Auswählen der passenden Erzählform oder Plattform auch die Wichtigkeit von Performance beinhaltet. „Das ist das, was ich auch meinem Team vermitteln möchte: Stärken in neuen Erzählformen zu entdecken und weiterzuentwickeln. Mit jedem neuen Feature kommt ein neues Genre dazu. Eine neue Chance, eine neue Facette von sich zu entdecken. Jüngst Instagram-Stories. Sich eine solche Neuerung kreativ zu erschließen und darauf überzeugend erzählen zu können, muss man als Privileg begreifen.“

Mit dieser Haltung haben Beckershaus und ihr Team Refinery29 innerhalb kürzester Zeit im schwierigen deutschen Markt etabliert. Belohnt wurde dies auf dem European Newspaper Congress zu Beginn des Jahres mit der Auszeichnung als „Newcomerin des Jahres“. Kurz davor ist der Plattform mit einem Exklusiv-Interview mit Apple-Chef Tim Cook ein öffentlichkeitswirksamer Mediencoup gelungen. Cook entschied sich bewusst für Refinery29, da sich beide für mehr Diversität einsetzen. Beckershaus definiert ihre Firma als mission driven company: „Unsere Mission ist es, Frauen darin zu bestärken, ein authentisches und inspiriertes Leben zu führen. Wir wollen Frauen ermutigen, sie selbst zu sein, und ihnen nicht die Diskrepanz zu einem unerreichbaren Perfektionismus aufzeigen.“ Refinery-Leserinnen bekommen so nicht nur die für die Zielgruppe der Frauen zwischen 18 und 34 Jahren zuweilen üblichen Lifestyle-Themen Mode und Beauty präsentiert, sondern auch globale Geschichten, etwa Porträts über syrische Frauen. Das Thema Hochzeit wird mit Blick auf alle kulturellen und individuellen Hintergründe aufbereitet: Gezeigt werden Eheleute im Rollstuhl, mit Kopftuch aus Spitze oder auch lesbische Heiratende.

Visual Zitat Nora Beckershaus Weingut in der Provence

Vor diesem Hintergrund glaubt Nora Beckershaus mit Blick auf sich selbst nicht, dass sie ein Vorbild ist. „Ich habe lediglich die Chance, eine Geschichte zu erzählen, die gar nicht so besonders ist, sondern einfach divers. Ich kenne keine Frau, der eine Schublade gerecht wird. Wir müssen die Wichtigkeit authentischer Geschichten begreifen, denn nur so können wir unseren Horizont durch den Zeitgeist erweitern und ein ehrlicheres Bild für alle kreieren.“ Für die passionierte Journalistin ist mit Refinery29 alles zusammen gekommen: Sie kann ihre kreative Seite ausleben und vielfältigen Geschichten eine Plattform bieten, andererseits aber auch (fast) alle ihrer Facetten — auf Twitter bezeichnet sie sich als Numbers Nerd — ausleben.

Refinery29 selbst hat die Digitalisierung voll in die Karten gespielt. Vor digitalen Plattformen hat man sich nicht abgeschottet, sondern diese erschlossen und ihr Potenzial genutzt. Wichtiger als die Reichweite ist Engagement: „Unser Ziel ist es, eine loyale, nachhaltige Community aufzubauen, die sich mit Refinery29 identifizieren kann.“ Dieses Ziel verfolgen zu dürfen und eine Schnittmenge zwischen kommerziellem Erfolg und hervorragenden Journalismus zu finden, schätzt DWOMAN Nora Beckershaus als unglaubliches Privileg: „Ich kann hier jede meiner beruflichen Facetten ausleben — mehr Vielseitigkeit und Herausforderung, als ein Medium in Deutschland aufzubauen, kann ich nicht haben. Ich bin sehr froh, dass nicht nur Refinery, sondern auch das Zeitalter der Digitalisierung diese Möglichkeiten mit sich bringt. Ich glaube, ich bin einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“


Über die DWOMEN – platform for women in digital business:

MCB_D-WOMEN-Logo_quer-schwarzMit der Initiative DWOMEN laden Sonja Kardorf, Vorstandsmitglied der IBB, und Andrea Peters, Vorstandsvorsitzende des media:net, zwei Mal jährlich inspirierende Frauen aus der Digitalwirtschaft zum vernetzenden Frühstück. Impulse gaben bereits Joana Breidenbach, Stephanie Caspar, Verena Pausder sowie Lea-Sophie Cramer. Am 11. Mai erzählte Nora Beckershaus den DWOMEN ihre Geschichte. Die nächste Ausgabe findet im Herbst statt.